Nach gutem Start mit zwei glatten Siegen über den Reisepartner Emsdetten (5,5:2,5) und den langjährigen Nordrivalen Hamburger SK (6:2) holte sich der Deutsche Vizemeister Werder Bremen beim letzten Spiel der Tripelrunde in Mülheim an der Ruhr gegen die Schachfreunde Berlin eine deftige 2:6-Abfuhr. Durch diesen überraschenden wie enttäuschenden Misserfolg wurden die Bremer vom ersten auf den fünften Tabellenplatz zurückgeworfen. Allerdings ist Topfavorit Baden-Baden erstaunlicherweise gegen den Gastgeber Mülheim im zweiten Umgang auch unter die Räder gekommen (3,5:4,5), wobei diese Niederlage - die erste des Meisters nach 1,5 Jahren - noch höher hätte ausfallen müssen. Mülheim wiederum (Setzlistenplatz 3) gab am langen Wochenende sogar drei Mannschaftspunkte ab. Die Schachbundesliga, ausgeglichener und stärker als zuvor, scheint diesmal eine richtig spannende Saison zu bieten.
Auf das katastrophale Match gegen die Berliner Schachfreunde sei hier etwas näher eingegangen. Den stets abstiegsgefährdeten Hauptstädtern (Setzlistenplatz 14) ist mit der Verpflichtung des Weltranglistendritten Levon Aronian (ARM, Elo 2807) und dessen 22-jährigen Landsmannes und Schülers Hrant Melkumyan (Elo 2619) ein echter Coup gelungen, aber ob überhaupt bzw. wie oft die armenische Doppelspitze tatsächlich zum Einsatz kommen würde, war fraglich. Nun zeigten sich die Bremer völlig perplex, als Aronian erstmals am dritten Spieltag plötzlich am zweiten Brett (!) auftauchte, den Elo-Schnitt der Berliner auf etwa 2560 hochhob und die Vorbereitung von sieben Bremern zur Makulatur machte - ein äußerst geschickter Eröffnungszug am Sonntagmorgen mit zudem erheblicher psychologischer Wirkung.
Scheinbar unbeeindruckt davon zog indes Gashimov gegen Melkumyan wie üblich (mit Schwarz) optimistisch vom Leder - und hatte bald zwei Bauern weniger, am Ende war es zwar nur einer, aber der war entscheidend. Für Fressinet war Aronian, der originell und riskant verteidigte, mit zunehmender Partiedauer dann doch eine Nummer zu groß. Skripchenkos Behandlung der Zweispringer-Variante im Caro-Kann erwies sich als zahnlos, bereits nach einer Ungenauigkeit im 11. Zug übernahm der titellose Dennes Abel (Elo 2427) die Initiative, die rasch zu einem mächtigen Königsangriff auswuchs (0:1/28).
Babula hatte gegen Rainer Polzins Rossolimo-Variante im Sizilianer nach frühem Damentausch die Chancen etwa ausgeglichen, beging dann aber diverse Nachlässigkeiten und wurde geradezu an die Wand gespielt. Nach zwischenzeitlich ereignislosen Remisen von Hracek und Hammer war das Debakel für Werder perfekt, so dass es in den Begegnungen Romain Edouard vs Ilja Schneider und Martin Krämer vs Tomi Nybäck nur um Ergebniskosmetik ging. Bemerkenswert ist das Endspiel König + 2 Läufer vs König + Springer bei Edouard - Schneider, das zwar theoretisch (für Weiß) gewonnen war (Matt in 71 Zügen laut Nalimov Tablebases), aber sowohl aus spielpraktischen Erwägungen als auch in Anbetracht der 50-Züge-Remis-Regel im 111. Zuge mit der Punkteteilung beendet wurde.
Hier die kompletten Einzelresultate:
Werder Bremen - SK Turm Emsdetten 5,5 : 2,5
1 Gashimov, Vugar (2756) - Mchedlishvili, Mikheil (2623) 0 : 1
2 Fressinet, Laurent (2696) - Spoelman, Wouter (2563) 1 : 0
3 Nyback, Tomi (2627) - Ipatov, Alexander (2591) 0.5 : 0.5
4 Hammer, Jon Ludwig (2601) - POL Swiercz, Dariusz (2585) 1 : 0
5 Hracek, Zbynek (2624) - Grandelius, Nils (2536) 1 : 0
6 Edouard, Romain (2608) - Hector, Jonny (2575) 1 : 0
7 Babula, Vlastimil (2572) - Janssen, Ruud (2498) 0.5 : 0.5
8 Skripchenko, Almira (2470) Pruijssers, Roeland (2475) 0.5 : 0.5
Hamburger SK - Werder Bremen 2 : 6
1 Kempinski, Robert (2604) - Gashimov, Vugar (2756) 0 : 1
2 Ghaem Maghami, Ehsan (2583) - Fressinet, Laurent (2696) 0.5 : 0.5
3 Hansen, Sune Berg (2566) - Nyback, Tomi (2627) 0.5 : 0.5
4 Ftacnik, Lubomir Dr. (2570) - Hammer, Jon Ludwig (2601) 0.5 : 0.5
5 Heinemann, Thies (2469) - Hracek, Zbynek (2624) 0 : 1
6 Reeh, Oliver (2453) - Edouard, Romain (2608) 0 : 1
7 Sebastian, Dirk (2446) - Babula, Vlastimil (2572) 0 : 1
8 Meissner, Felix (2291) - Skripchenko, Almira (2470) 0.5 : 0.5
Werder Bremen - SF Berlin 1903 2 : 6
1 Gashimov, Vugar (2756) - Melkumyan, Hrant (2619) 0 : 1
2 Fressinet, Laurent (2696) - Aronian, Levon (2807) 0 : 1
3 Nyback, Tomi (2627) - Kraemer, Martin (2492) 0.5 : 0.5
4 Hammer, Jon Ludwig (2601) - Antoniewski, Rafal (2585) 0.5 : 0.5
5 Hracek, Zbynek (2624)- Maksimenko, Andrei (2553) 0.5 : 0.5
6 Edouard, Romain (2608) - Schneider, Ilja (2472) 0.5 : 0.5
7 Babula, Vlastimil (2572) - Polzin, Rainer (2469) 0 : 1
8 Skripchenko, Almira (2470) - Abel, Dennes (2427) 0 : 1
Tabelle 1. Bundesliga (nach 3 Runden):
1. SV Wattenscheid 6 15,5
2. SG Solingen 5 14
3. OSG Baden Baden 4 14,5
4. Schachfreunde Berlin 4 14
5. Werder Bremen 4 13,5
6. SC Eppingen 4 11,5
7. SF Katernberg 4 10,5
8. SV Hockenheim 3 12,5
9. SV Mülheim Nord 3 12
10. SK König Tegel 3 11,5
11. SK Turm Emsdetten 3 11
12. USV Dresden 2 11
13. SG Trier 1 11
14. SC Hansa Dortmund 1 10
15. Hamburger SK 1 9,5
16. SC Remagen 0 10
C.D. Meyer
Partieanalysen folgen in Kürze.