(zeitweilig im Jetlag zwischen Walle + „Weltkulturerbe St. Pauli" )
Turnierschach war lange Zeit für mich „Wintersport" - und ist es eigentlich auch weiterhin... (= Winter geht ja hier im mediterranen Nordeuropa gemeinhin von Oktober bis April...); doch mit dem Gewinn der Vereinsmeisterschaft 2010 auf 2011 (die Schlußrunden am 5. + 26.5. gegen Lars und Jens lagen bereits im diesjährig hochSOMMERlichen Mai!) packte mich die Turnier-Lust, Sommerturniere zu spielen! Ich meldete mich zum „Pfingst-Open" und zum „St. Pauli-Open"!
Die rührige Mannschaft vom SK Bremen-West bot im attraktiven Torhaus, gegenüber „Waterfront" ein feines, kleines Turnier an: 24 Teilnehmer pflegten vom 10. -13.6. in täglichen Doppelrunden ihr Hobby, die Hälfte junge Schüler.
Deren Spielgewohnheit war täglich sichtbar: rasch die ersten 20, 30 Züge machen, „runterblitzen"; etwa eine halbe Stunde nach Beginn waren diese Bretter wegen Partieende verlassen!
Die älteren Amateure kamen da erst rein in ihre Stellungen... und das Turnier hatte dann, beginnend mit dem Ende der ersten Stunde das Ambiente eines Mannschaftskampfes an 8 Brettern...
Long sammelte eifrig Erfahrung, sein Vater Duong wurde von mir in der Schlußrunde leider von der Teilung des 1. Preises auf den 2. „runtergebremst":
LAI HOP,Duong (2123) - JUNG,Gerald (1877)
Pfingst-Open Bremen-West (7), 13.06.2011
1.d2-d4 Sg8-f6 2.Sg1-f3 g7-g6 3.Lc1-f4 Lf8-g7 4.e2-e3 d7-d6 5.h2-h3 b7-b6 6.Lf1-b5+ Lc8-a6 Ein bischen creativ muß sein... [7...0-0 8.0-0=] 8.Dd1-e2 - Dd8-c8 [8...La6xc4 9.De2xc4 0-0 10.0-0] 9.0-0 [9.Lc4xa6 Sb8xa6 10.0-0 0-0=] 9...La6xc4 10.De2xc4 Dc8-a6 11.Dc4-b3 0-0 12.c2-c4 Sb8-d7 13.Sb1-c3 Tf8-b8 -und nun "drohen" diverse Bauernnadelstiche nach Db7 o c8 [13...Tf8-e8 14.Lf4-h2] 14.Ta1-c1 [14.Ta1-d1 Sd7-f8] 14...Da6-a5 -Planänderung: am Königsflügel vorbeischauen (...: und auch wieder zurück, mit verblüffender Performance !) [14...Tb8-e8 15.Tf1-d1; 14...Da6-c8 15.Tf1-d1 a7-a6 16.a2-a4 b6-b5?! 17.c4-c5! b5-b4 18.Sc3-e2 Sf6-e8 19.c5xd6 Se8xd6 20.Sf3-g5 Dc8-e8 21.Tc1xc6+-; 14...Da6-b7 15.Tf1-d1 a7-a6 16.a2-a4 b6-b5 17.c4-c5 b5-b4 18.Sc3-e2 Sf6-e8 19.Sf3-g5+-] 15.Tf1-d1 Da5-h5 [15...Tb8-e8 16.e3-e4; 15...c6-c5 16.Sf3-e5!? d6xe5 17.d4xe5 Tb8-d8 18.e5xf6 Sd7xf6 19.g2-g4] 16.d4-d5 [16.Db3-c2!?± h7-h6!? 17.e3-e4 g6-g5 18.Lf4-g3 Dh5-g6] 16...Tb8-c8 [16...c6xd5 17.Sc3xd5 Sf6xd5 18.Td1xd5 Sd7-c5 19.Db3-d1 e7-e5 20.Lf4-h2 Lg7-f8 21.b2-b4 Sc5-e6÷] 17.d5xc6 [17.e3-e4 Lg7-h6 (17...Sd7-c5 18.Db3-c2 c6xd5 19.e4xd5 a7-a5]18.Lf4xh6 Dh5xh6] 17...Tc8xc6 18.Db3-a4 Ta8-c8 [19.Sc3-e2 [19.Sc3-b5 Tc6-c5 20.Da4xa7 (20.Sb5xa7? Tc8-a8-+) 20...Tc5xc4 21.Tc1xc4 Tc8xc4 22.Lf4-g5 Sd7-e5 23.Da7-a8+ Lg7-f8 24.Lg5xf6 e7xf6 25.Sb5-d4 Se5xf3+ 26.Sd4xf3 Dh5-c5] Auf den Folgenden bin ich stolz; danach steht Schwarz bequemer, tendenziell sogar besser ! : 19...Dh5-a5 20.Da4xa5 [20.Da4-b3 Tc6-c5 21.Sf3-d2 d6-d5 22.a2-a3 Da5-a6 23.e3-e4 d5xc4] 20...b6xa5 21.b2-b3 [21.Sf3-d2 Sd7-c5 (21...Tc6-b6 22.b2-b3 a5-a4 23.b3xa4 Tb6-b2 24.Se2-c3 Sf6-h5 25.Sc3-d5 Sh5xf4 26.Sd5xe7+ Kg8-f8 27.Se7xc8 Sf4-e2+ 28.Kg1-f1 Se2xc1 29.Sd2-e4 Sc1xa2 30.Td1xd6 Tb2-b7-+) ] 21...a5-a4! active play ! 22.Sf3-d2 Sd7-c5 23.Tc1-b1 [23.Se2-d4 Tc6-b6 24.Lf4-g5 h7-h6 25.Lg5xf6 Lg7xf6; 23.b3-b4 Sc5-d3 24.Tc1-b1 Sf6-d7 25.Lf4-g5 f7-f6 26.Lg5-h4] 23...Sf6-d7 Remis
Die Partie brachte mich in echte Spielfreude und gleichzeitig las ich ja schon wochenlang über den „Flow", dies Thema wird mich (und damit meine schriftlichen Niederschläge) auch die nächste Zeit begleiten...
1. im Pfingst-Open wurde Warns aus Oldenburg, 2. Duong; ich landete auf 4, Long auf 20. Die kompletten Infos finden sich unter: http://www.sk-bremen-west.de/component/clm/?view=turnier_tabelle&turnier=6
„Flow (engl. fließen, rinnen, strömen) bezeichnet das Gefühl der völligen Vertiefung und des Aufgehens in einer Tätigkeit, auf Deutsch in etwa Schaffens- oder Tätigkeitsrausch, Funktionslust. Mihaly Csikszentmihalyi hatte die Flow-Theorie im Hinblick auf Risikosportarten entwickelt. Heute wird sie auch für rein geistige Aktivitäten in Anspruch genommen."
Die Anreise zum Pfingst-Open in die verlängerte Lindenhofstrasse gestaltete sich noch recht einfach, da wurde es mit dem St. Pauli-Open ein wenig anders: aus Walle zum Bahnhof, dort in den Metronom, knapp anderthalb Stunden später Ankunft am Dammtorbahnhof.
Hierbei wurde auch viel Wehmut bei mir reaktiviert, hatte ich doch 2002-2006 in Nienstedten gearbeitet und war diese Strecke als Berufspendler gewöhnt...
„Flow ist etwas anderes als „fun" oder „kick" (Nervenkitzel) -- also nicht nur eine kurzzeitige, aufgeputschte Erregung, es ist eine länger andauernde Euphorie, die richtig genutzt wertvoller ist.
Flow ist eine Form von Glück, auf die man Einfluss hat. Man ist unüberspannt, wenn der Wille zentriert ist und konzentriert, ohne erzwingen zu wollen."
Einiges hat sich sehr gewandelt seither in Hamburg, man schwingt ein hinter Harburg (hier schon staunt man über das Projekt Bundesgartenschau Wilhelmsburg 2013) über die Elbbrücken mit der Perspektive über „Häfen bis an den Horizont" , sieht täglich andere Kreuzfahrtschiffe am Anleger vor der Elbphilharmonie..., überhaupt: diese Hafen-City ist ausserordentlich pfiffig angelegt! (unsere Überseestadt nimmt sich dagegen als kleiner, unbeholfener , erster Test an...).
Vom Dammtorbahnhof schlenderte ich am Antiquariat vorbei (dort hatte ich vor bald 20 Jahren ein Schachbuch von Kurt Richter erworben...), durch Planten+Bloomen, das Tropengewächshaus nicht vergessend, die mediterranen Terrassen, den Hamburger Parksessel nutzend - Nilgänse treiben sich dort herum, Wasserschildkröten sonnen sich, ein Fledermausbunker ist zu entdecken, all dies liegt auf dem Weg!
„Flow kann als Zustand beschrieben werden, in dem Aufmerksamkeit, Motivation und die Umgebung in einer Art produktiven Harmonie zusammentreffen. (...) Um sich bei einer Aufgabe in den Zustand des Flows zu versetzen, braucht einem die Tätigkeit nur zu gefallen, und die Anforderung so hoch sein, dass sie die volle Konzentration erfordert. Sie darf jedoch nicht so hoch sein, dass man überfordert ist, denn dann ist die „Mühelosigkeit" nicht mehr gegeben. „
Vorbei geht's am Knast Holstenglacis, prächtigen Wasserspielen, gewaltigen „Kaukasischen Flügelnüssen" - ja, und dann landet der schachbegeisterte, solcherart von Sinneseindrücken umspülte Amateur in St. Pauli, bekommt die Kurve über das Heiligengeistfeld und erreicht das Millerntorstadion!
„Weltkulturerbe St. Pauli" reklamiert ein großes Schild am Eingang, eine ausgezeichnete Location bietet der „Ballsaal" des sympathischen Zweitligisten für das schachliche Unterfangen.
Die prächtige Homepage zeigt es, dort auch alle Ergebnisse und alle (!) Partien der beiden Open: http://fcstpauli-open.de/index.php?id=83
„Der Verhaltensforscher Bernt Spiegel wendet den Begriff Flow u. a. auf spezialisierte Tätigkeiten wie das Fahren von Fahrzeugen an.. In seinem Beispiel bezieht er sich speziell auf das Fahren von Motorrädern, wobei innerhalb dieser Tätigkeit dem Flow hinsichtlich der Gefahr des allzu "fahrlässig" werdens größte Aufmerksamkeit gewidmet werden muss. (...) Entscheidend ist die Kombination 1.: von voriger Aktivität (Anstrengungen - was unternommen und aufgewendet wurde, um nun Flow erleben zu dürfen) und 2.: von Passivität (sich dann überraschen zu lassen von Flow). (...) Flow tritt häufig bei der Ausführung von Sportarten auf, in denen man „aufgeht" und diese beherrscht, zum Beispiel Klettern, Skifahren, Segeln oder auch sogenannte Funsportarten. Dem Tanzen kommt eine besondere Bedeutung als Flow-Aktivität zu, da „Tanzen vermutlich die älteste und bedeutsamste ist, sowohl aufgrund seiner weltweiten Anziehungskraft als auch wegen seiner potenziellen Komplexität" (Mihaly Csikszentmihalyi: Flow - Das Geheimnis des Glücks). Auch beim Musizieren, Malen, oder der Freude am Spielen, kann ein Mensch einen intensiven Flow erleben, Csikszentmihalyi führte zum Beispiel Interviews mit Schachspielern unterschiedlicher Stärke über ihre Motive: Gerade weil Schach relativ komplex ist, ermöglicht es eine große Vielfalt verschiedener individueller Flow-Erfahrungen." (Zitate zu Flow aus Wikipedia)
Gespielt wurden 9 Runden, täglich nur eine, nachmittags, zumeist 16 Uhr. So blieb viel Zeit, vor einer Runde etwa die Aussen- und Binnenalster, die Hafen-City, die Landungsbrücken, den alten Elbtunnel und vieles mehr kennenzulernen.
Das Turnier wurde optimal organisiert, wenn es auch an manchen Tagen, hitzebedingt, an frischer Luft mangelte - täglich gabs ein 10 bis 14 seitiges Bulletin der Vorrunde, man bekam es direkt vor der nächsten Runde! (sind auch auf der Homepage!)
Es wäre schon toll, wenn in Bremen ein ähnliches Turnier aufgezogen werden könnte...
Meine „Flow-Form" war zu Beginn leider nicht vollständig gegeben - am 4. Pendeltag bemerkte ich schemenhaft bei der Anreise zwischen Oberneuland und Ottersberg schwarz-weisse Störche zwischen schwarz-bunten Kühen ... ja, und, richtig: da war ein Förster, mit seinem neuen Audi!
... Audi ? - ja, ich muss gestehen, „ich habe einen Audi produziert" (= 4 Nullen in Folge)!
Hierbei kam es in den Runden 3 und 4 zu einer kuriose Verdoppelung eines „identischen Patz-Motives" (vom Fianchetto-Läufer [b7 bzw. gespiegelt g2] unterstützte Dame landet in suicidaler Absicht auf f3 bzw. gespiegelt auf c6):