Hinter den Nachwuchsmannschaften von Werder Bremen liegt ein ereignisreiches Jahr. Geschäftsführer Klaus-Dieter Fischer blickt vor Beginn der Winterpause noch einmal auf die vergangenen zwölf Monate zurück:
Hinter den Nachwuchsmannschaften von Werder Bremen liegt ein ereignisreiches Jahr. Geschäftsführer Klaus-Dieter Fischer blickt vor Beginn der Winterpause noch einmal auf die vergangenen zwölf Monate zurück:
Herr Fischer, was verbinden Sie mit dem Jahr 2006?
Sehr positiv ist mir der der Klassenerhalt unserer U 23 im Gedächtnis haften geblieben. Ich kann mich noch gut an die letztjährige Weihnachtsfeier erinnern, auf der ich den Jungs noch Mut zugesprochen habe. Damals galten wir mit 16 Punkten schon als fast sicherer Absteiger. Aber das Team hat sich auf eine beeindruckende Weise gefangen und sich da unten rausgekämpft.
Dieses Jahr hat die U 23 mit dem Abstiegskampf bislang nichts zu tun. Warum?
Das Konzept, das wir uns vor der Saison 2005/2006 überlegt haben, ist aufgegangen. Wir hatten es gewagt, mit vielen A-Jugendlichen in die Saison zu gehen und wussten, dass es eine schwierige Spielzeit wird. Die aktuelle Saison zeigt, dass dieser Weg der richtige war. Die Spieler haben ihre Erfahrungen gesammelt und wissen, in welchem Tempo, mit welcher Raffinesse und welcher Härte die gestandenen Regionalliga-Spieler agieren. Wir halten sehr gut dagegen und es wird uns immer wieder gesagt, dass wir den besten Fußball in der Liga spielen. Dass es immer wieder Ausrutscher gibt, ist bei einer so jungen Mannschaft normal.
In der Regionalliga ging es auch neben dem Platz turbulent zu. Wie haben Sie die Diskussion über die 3. Liga erlebt?
Ich fand es empörend, dass es überhaupt eine Diskussion gab, ob die U 23-Teams der Bundesligisten in einer geplanten 3. Liga spielen dürfen. Man kann nicht von einer Verbesserung der Nachwuchsarbeit sprechen und dann die Mannschaften, die diese Arbeit betreiben, also überwiegend die Bundesliga-Teams, aus der Spielklasse ausschließen. Es ist wichtig, dass unsere Spieler die Chance haben, sich in dieser Klasse mit erfahrenen Spielern zu messen. Gut, dass insbesondere durch unsere Bemühungen, diese Entscheidung abgewendet wurde. Wir haben zumindest den Weg geebnet, uns für die Spielklasse zu qualifizieren. Ob wir das schaffen, bleibt abzuwarten.
Ist das eines der Ziele im kommenden Jahr?
Erst einmal wollen wir in dieser Saison die Klasse halten. Anschließend werden wir, nicht mit aller Gewalt aber mit großen Anstrengungen, versuchen, uns für die Liga zu qualifizieren. Falls wir das nicht schaffen sollten, würde für uns die Welt aber auch nicht unter gehen. Es sollte jedoch unser Anspruch sein, in dieser Liga zu spielen.
Die Ausbildung der Spieler nimmt auch beim DFB einen immer größeren Stellenwert ein. Demnächst sollen die Leistungszentren einer Zertifizierung unterzogen werden. Wie sehen Sie diesem Schritt entgegen?
Für den Fußball in Deutschland ist es der richtige Weg. Die Vereine werden nun gezwungen, nicht nur von guter Jugendarbeit zu reden, sondern sie auch zu betreiben. Wir müssen diese Zertifizierung nicht fürchten, da wir bereits viele Kriterien der vorgesehenen Richtlinien erfüllen. In einigen Punkten waren wir sogar schon einen Schritt voraus. Beispielsweise bei unserem ganzheitlichen Trainingskonzept, das die sportlichen, schulischen, medizinischen und psychologischen Bereiche miteinander verbindet, oder die Entwicklungsbögen und unser sehr vorbildlich erarbeitetes Scoutingsystem, für das sich nun auch andere Bundesliga-Vereine interessieren. Dennoch wollen auch wir uns immer weiter verbessern. Im Bereich der Eliteschule werden wir noch zulegen müssen, um eine noch größere Harmonie im Zusammenspiel zwischen Fußball und Schule zu finden. Mit unserem Kooperationspartner, dem Schulzentrum Obervieland, haben wir diesbezüglich bereits erste Gespräche geführt.
Werders Nachwuchsarbeit zählt zu den besten in Deutschland. Wie zufrieden sind Sie mit dem Abschneiden der Junioren-Teams im vergangenen Jahr?
Wenn man auf die Titel schaut, haben wir sicherlich schon erfolgreichere Jahre gehabt aber wenn man auf die Entwicklung des Leistungszentrums blickt, kann man von einem sehr guten Jahr sprechen. Ich schaue immer erst an zweiter Stelle auf den Tabellenplatz. Die Entwicklung der Spieler steht im Vordergrund. Und die war sehr positiv. Bis zu sechs A-Jugendspieler haben letztes Jahr vorzeitig den Sprung in die U 23 geschafft. Darunter musste die U 19 ein wenig leiden. Hätte man nur auf den Titel geschaut, wäre sicherlich mehr in der Meisterschaft drin gewesen. Auch in den Junioren-Nationalteams spiegelt sich unsere gute Arbeit wieder. Immer häufiger tauchen in deren Kadern die Namen unserer Spieler auf.
Für die U 19 läuft es in dieser Saison bislang sehr gut. Das Team von Mirko Votava ist souveräner Tabellenführer.
Die U 19 nimmt eine herausragende Rolle in der Junioren-Bundesliga ein. Enttäuschend war jedoch, wie in den Jahren zuvor auch, das Ausscheiden aus dem DFB-Juniorenpokal. Es ist schwer zu erklären, warum die Mannschaft ihre guten Leistungen in diesen Spielen nicht abrufen kann.
Auch bei der U 17 schwankten im vergangenen Jahr immer wieder die Leistungen, wodurch sie den Titel in der Regionalliga knapp verpasste.
In der B-Jugend kommt es merkwürdigerweise immer wieder zu einem Bruch. Die U 15 wurde in den vergangenen Jahren regelmäßig Norddeutscher Meister, wodurch die Erwartungen im darauf folgenden Jahr an die U 17 auch hoch sind. Teilweise bringt die Mannschaft hervorragende Leistungen und steckt anschließend wieder unerklärliche Niederlagen ein. Da spielt die Pubertät eine große Rolle, da diese Phase die schwierigste für die Spieler ist.
Die Norddeutsche Meisterschaft war bereits der fünfte Titel in Folge für die U 15!
Das ist eine unglaubliche Serie. Das zeigt aber auch, dass wir bereits in diesem Altersbereich auf dem richtigen Weg sind. Wichtig ist dabei jedoch auch hier, dass möglichst viele Spieler den Sprung in die nachfolgende Leistungsmannschaft schaffen. Kevin Artmann war beispielsweise einer, der diesen Sprung erfolgreich absolviert hat. Ich würde es mir wünschen, wenn ihm noch viele folgen würden. Auch diese Saison sieht es nach dem Erfolg im Spitzenspiel gegen den HSV ganz gut aus. Die Mannschaft ist Tabellenführer, und dass, obwohl sie nicht als Favorit gestartet war.
Auch weltweit präsentieren sich die Teams erfolgreich. Die U 17 war in Japan, die U 13 und U 16 in Südkorea. Wie wichtig sind diese Reisen?
Unsere Teams sind dabei als Botschafter unterwegs. Sie sollen zeigen, dass es nicht nur das Profi-Team, sondern auch gute Nachwuchsmannschaften bei Werder gibt. Aber wir wollen mit den Reisen in fremde Länder und Kulturen auch den Horizont unserer Spieler erweitern. Und das nicht nur sportlich. Ich habe schon einige nachdenkliche Gesichter gesehen, wenn sie erkennen, unter welchen Umständen die Jugendlichen in Namibia oder Madagaskar Fußball spielen. Neulich habe ich erst wieder mit Christoph Dabrowski über dieses Thema gesprochen, mit dem ich damals in Afrika war. Es ist wichtig, dass sie andere Kulturen kennen lernen und vor ihnen auch Achtung haben.
Werder hat in den vergangenen Monaten viel für den Kampf gegen Rassismus getan. Warum?
Es ist wichtig, die Menschen frühzeitig für diese Themen zu sensibilisieren. Daher haben wir alle Trainer und Spieler bei Werder Bremen zum FIFA-Ehrenkodex verpflichtet, der vor allem zum Kampf gegen Rassismus aufruft und für ein friedliches Miteinander wirbt.
Welche Vorsätze hat das Leistungszentrum für das kommende Jahr?
Neben der Qualifikation für die 3. Liga wollen wir auch bei der Auswahl der Spieler, die bei uns ins Internat kommen, noch sorgfältiger sein. Eine weitere sehr anspruchsvolle Aufgabe wird sicherlich die Umsetzung des ganzheitlichen Trainingskonzeptes von der Theorie in die Praxis sein. Da werden wir viel Energie hineinstecken.
2007 soll die Fußball-Sparte weiter wachsen. Werder will in der nächsten Saison auch Frauen-Fußball anbieten. Wie kam es dazu?
Mit unserer Arbeit haben wir in den letzten Jahren viel Lob geerntet. Erst vor wenigen Wochen sammelten Vertreter der UEFA positive Eindrücke, aber eine kritische Frage kam immer wieder auf: Warum bietet Werder für Frauen kein Frauen-Fußball an? In Absprache mit dem Bremer Fußball-Verband haben wir uns nun entschieden, uns für den Frauen-Fußball zu öffnen. Geplant ist auf der Sportanlage Schwachhausen mit zwei Leistungsteams zu trainieren und zu spielen. Einer Frauen- und einer Juniorinnen-Mannschaft. Entsprechende Gespräche laufen derzeit. So wie es aussieht werden wir mit den Frauen in der höchsten Bremer Klasse, der Verbandsliga, starten. Wie weit der Weg anschließend nach oben geht, ist noch offen. Für alle anderen Mädchen, die noch in keinem Verein Fußball spielen, öffnen wir die Möglichkeit, in unseren Jungen-Mannschaften zu spielen. Die erfahrenen Frauen-Verbandstrainer haben uns dieses geraten, weil Mädchen am besten Fußball spielen lernen, wenn sie sich mit gleichaltrigen Jungs in den jüngeren Jahren messen. Außerdem nehmen wir dadurch anderen Vereinen keine Spielerinnen weg. Bei den Leistungsmannschaften rechnen wir damit, dass viele Bremer Spielerinnen, die ins Umland abgewandert sind, wieder nach Bremen zurückkommen.
Interview: Norman Ibenthal
