Ärgert Sie etwas, wenn Sie auf den heutigen Fußball schauen?
Manchmal habe ich das Gefühl, dass nur noch Freundschaftsspiele stattfinden. Nach dem Schlusspfiff nimmt man sich in die Arme, tauscht die Trikots und obwohl man verloren hat, sieht man bei einigen schon wieder ein Lächeln. Wenn wir damals ein Spiel verloren haben, hat man seinem Gegenspieler zwar auch fair die Hand gegeben aber man hat sich maßlos geärgert und sich viel intensiver mit der Niederlage beschäftigt. Auch über einige Verletzungen ärgere ich mich immer wieder. Ich habe so viel Erfahrung, um zu erkennen, wo eine ernsthafte Verletzung vorliegt. Aber es kommen so häufig kleine Blessuren vor, bei denen viele sofort das Training abbrechen oder sich auswechseln lassen. Da muss man auch mal sagen „komm, das ist halb so schlimm“, man muss auch mal ein bisschen hart zu sich selbst sein.
Sie haben zahlreiche Titel gewonnen. Nehmen das die Jungs, wenn sie zu Ihnen ins Training kommen, noch wahr?
Die wissen das schon. Aber es bringt ja nichts, wenn du zig Pokale herumstehen hast aber ihnen nichts beibringen kannst. Wenn man den Jungs etwas im Training vermitteln will, muss das schon Hand und Fuß haben, sonst verliert man die Glaubwürdigkeit.
Sie haben auch schon bereits im Herrenbereich als Trainer gearbeitet. Wo liegen die größten Unterschiede zu der Jugendarbeit?
Wir versuchen praxisnah zu arbeiten. Es gibt keine Trainingseinheit, bei der nicht der Ball dabei ist. Ich will die Jungs nicht einfach zum Training holen, dann nur laufen gehen und wieder rein. Das ist für mich Verschwendung von wertvoller Zeit. Im Herrenbereich hat man mehr Zeit, da kann man dann auch mehr in der Theorie vermitteln.
Als Scout waren sie ebenfalls schon tätig. Helfen Ihnen die dort gesammelten Erfahrungen bei der Talentsuche?
Die talentiertesten Spieler sieht jeder. Das ist keine Kunst. Aber es gibt auch Spieler, bei denen das Talent noch ein wenig versteckt ist und die Trainer dann die Aufgabe haben, es zur Entfaltung zu bringen. Wenn wir Jungs holen, muss man auch davon überzeugt sein, dass sie zumindest den Sprung in die U 23 schaffen können.
Bis dahin haben die Jungs noch einige Monate Zeit. Welche Ziele können Sie diese Saison noch mit Ihrem Team erreichen?
Im Mittelpunkt unserer Philosophie steht erst einmal die Entwicklung der Spieler. Erst dann kommt der Erfolg der Mannschaft. Wenn man beides verbinden kann, ist es natürlich umso schöner. Wichtig war, dass wir jetzt wieder gewonnen haben und gute Spiele abgeliefert haben. Darauf können wir aufbauen. Wenn wir uns bis zur Winterpause ständig weiterentwickeln, bin ich sehr zuversichtlich, dass wir den Anschluss an die Spitzengruppe halten können. Die nächsten Wochen werden entscheidend sein, da kommen Rostock, Hertha und auch Hamburg, alles Mannschaften, die auch oben mitspielen wollen.
Norman Ibenthal